Ich habe Ikea lange idealisiert: Fröhliche blau-gelbe Schweden, die für einen guten Preis brauchbare Möbel produzieren und kräftig zupacken können. In München-Brunnthal wurden wir neulich jedoch mit einem etwas anderen Selbstverständnis konfrontiert. Die Geschichte ist ein wenig länglich, aber aus zahlreichen Live-Darbietungen weiß ich: Sie lohnt sich :-)
Am 30.04. (ein Samstag; wir sind ja beide berufstätig) fuhren wir nichtsahnend in die Filiale Brunnthal, um unsere neue Küche zu kaufen. Einen vollständigen Plan und etwas Enthusiasmus hatten wir im Gepäck, schließlich hieß es auf ikea.de, für €239,- würde uns bei der Montage geholfen, und zwar bis zu 4 Küchenmetern:
Und so drangen wir zu einer Mitarbeiterin in der Küchenabteilung vor, die wir zur späteren Referenzierung mit A abkürzen möchten. Stolz präsentierten wir Frau A also unsere Zeichnungen. Die Küche solle 3,89 Meter lang werden, es sei daher gemäß obiger Infos die Basismontage möglich, wollten wir uns vergewissern. Mitnichten, entgegnete Frau A, und verwies uns ohne ein Wort der Entschuldigung in nicht geahnte Schranken:
Über 3 Küchenmeter montieren? Das machen wir nicht!
Hä? Aber auf ikea.de steht doch “bis max. 4 Küchenmeter”, und das ganze liegt auch nochmal als Infoheftchen in der Küchenabteilung des Hauses Brunnthal höchstselbst!
Nicht in München,
erfuhren wir. Das wollten wir uns nicht bieten lassen, also pilgerten wir zur Montageabteilung und konfrontierten die dortige Kollegin B mit dem eben erlebten Widerspruch. Nach ein paar Telefonaten teilte Frau B uns mit, sie könne das endgültig nur mit den Monteuren klären, und die waren natürlich am Samstag Nachmittag nicht mehr zu erreichen. Kein Problem, dachten wir naiv, die können das ja am Montag untereinander bekakeln und uns dann anrufen, oder wir rufen die Monteure selbst an.
Nein nein, wenn Ikea seine Monteure anruft, müssen wir persönlich in Brunnthal anwesend sein.
Hä? Na gut, wir sind optimistisch und vertrauen darauf, dass das schon klappt (das hoffte Frau B auch).
Also eine Woche gewartet und am Samstag (wir sind ja beide berufstätig), 07.05., früh aus dem Bett und ab nach Brunnthal. Frau B erinnerte sich an uns und telefonierte mit den sagenumwobenen Monteuren (deren Firmensitz vielleicht zwei Straßen von unserer Wohnung entfernt lag – wir werden es nie erfahren; doch ich will nicht vorgreifen…). Es gab eine frohe Botschaft, und wir wanderten wieder zu den Küchen und Frau C.
Nachdem wir Frau C erklärt hatten, dass die Angaben auf ikea.de auch für Brunnthal gelten, warf Sie einen Blick auf unseren Küchenplan, und es entfuhr ihr:
Die Küche ist L-förmig. Das machen wir nicht!
Hä? Davon steht ja nun nirgendwo irgendwas. Ich lehne mich sogar aus dem Fenster und behaupte, L-förmige Küchen sind häufiger als solche, bei denen jemand einfach alle Schränke linear an eine einzige Wand dübelt. Doch nein:
Nicht in München,
hieß es erneut. Da wurde es uns zu bunt, wir fuhren heim und kontaktierten die Ikea-Kommandozentrale per Telefon, ohne aus dem Haus zu gehen. Dort war man verwundert; Frau D bestätigte uns die Informationen auf ikea.de nochmal per Mail. Auszug:
Sehr geehrte Damen und Herren,
wie telefonisch besprochen schicken wir Ihnen eine kleine Auflistung für die Küchenbasismontage.
Dies gilt nicht für die Einrichtungshäuser:
IKEA EXPO Park Hannover, IKEA Düsseldorf, IKEA Köln Butzweiler Hof, IKEA Augsburg, IKEA Hamburg Moorfleet, IKEA Kaarst und IKEA Ludwigsburg
Wir stellen Ihnen einen Mitarbeiter für 4 Stunden zur verfügen und wenn dies nicht reichen sollte können Sie diesen für 2 weitere Stunden Buchen.
Die Küche sollte nicht länger als 4 Meter sein, aber es ist egal ob sie eine U-Form, gerdade oder eine L-Form haben möchten.
[Ausschnitt aus obigem Dokument]
Sollten die 4 Stunden nicht ausreichen, die nach deinem Bedarf gewünschten Leistungen zu erbringen, hast du die Möglichkeit, den Monteur für bis zu 2 Stunden(40,-€/h pro Monteur) weiter zu beauftragen.
Die Mitteilung vom Einrichtungshaus München-Brunntal entsprach nicht der echtheit.
Mit freundlichem Gruß
[Frau D]
Nun war ja alles klar, also den nächsten Samstag abgewartet (wir sind ja beide… genau), wir schreiben inzwischen den 14.05., und mal wieder nach Brunnthal gefahren. In der Küchenabteilung wurde uns schon aus Gewohnheit etwas mulmig. Tatsächlich war auch die erste Reaktion unserer Verkäufering Frau E nach Blick auf den Plan “Das sind aber über 3 Meter, und L-Form”, doch wir hatten ja vorgesorgt. Also flugs den Ausdruck mit den neuen Befehlen aus dem Hauptquartier vorgezeigt und den Umständen entsprechend freundlich gelächelt.
Sofort entbrannte das Interesse an der Identität der Frau D. Frau F ward hinabgeschickt, in die Datenbank zu horchen und Frau D zu überprüfen. Vielliecht war das ja alles nur ein übler Scherz unsererseits. Oder sollte es am Ende wirklich darauf hinauslaufen, dass die Informationen auf ikea.de auch für Ikea Brunnthal gelten? Lieber erstmal nachprüfen.
Derweil studierte Frau E unseren Plan und machte vier Änderungsvorschläge. Von diesen stellten sich im Nachhinein zwei als unsinnig heraus, und eine offensichtliche Verbesserung fehlte – aber ich schweife ab… Es soll jedoch noch erwähnt sein, dass im Rahmen der allgemeinen Diskussion seitens Frau E die Bemerkung fiel, dass ein Eckwinkel in real existierenden Gebäuden fast nie exakt 90 Grad sei. Irgendwann kam auch Frau F zurück, in Begleitung von Herrn G; man habe Frau D nicht in der Datenbank gefunden. Das verbreitete Erstaunen, hatte aber keine weiteren Folgen.
Als Frau E den geplanten Eckhängeschrank begutachtete (den die exotische L-Form mit sich zu bringen pflegt), fragte sie uns, ob wir denn ein Aufmaß hätten machen lassen. Hatten wir natürlich, Zeit war dafür ja genug gewesen :-) Das Aufmaß war ein sage und schreibe 16-seitiger Ausdruck (warum bekommt man da eigentlich keine Datei, die der Ikea-Küchenplaner einlesen kann, sondern muss die vom Aufmesser elektronisch gespeicherten und auf Papier ausgedruckten, äußerst zahlreichen Messwerte von Hand in den Küchenplaner eintragen?). Ein Blick auf Seite 3, und wir trauten unseren Ohren mal wieder nicht:
Der Eckwinkel ist nicht exakt 90 Grad. Das machen wir nicht!
Hä? Aber Frau E hatte doch soeben höchstselbst bemerkt, dass das praktisch nie der Fall sei. Ein Schelm, wer da vermutet, Ikea wolle uns eigentlich gar keine Küche bauen, sondern nur Bretter verkaufen. Frau E verwies auf die 25-jährige Garantie, die Ikea nicht übernehmen könne, wenn eine derartige Herausforderung wie ein Eckwinkel von in unserem Fall 89,5 Grad involviert sei.
Sie schlug uns sogar allen Ernstes vor, auf die Hängeschränke an einer Wand zu verzichten, oder (noch lustiger) ein Loch zu lassen, um diese schrecklichen 89,5 Grad zu umgehen. In diesem Moment griff ich spontan zum Taschenrechner und tippte:
60 [cm] * sin 0.5 = 0.5 [cm]
Man müsste also den Schrank doch nur mit einem 5mm starken Holzstück hinterlegen, oder? Das schien mir durchaus im Bereich des Möglichen. (War es auch, obwohl eine Wand sogar zusätzlich stark geneigt war; das war dem Aufmesser glatt entgangen.)
So langsam kamen mir jetzt erste Zweifel. Welche Qualifikation würden die von Ikea beauftragten Monteure wohl haben, wenn sie hiervor kapitulierten? Und würde ich im Falle von eventuellen (Post-)Montage-Schwierigkeiten (Gott verhüte!) noch eine Beziehung zu den Mitarbeitern H, I, J etc. aufbauen können? Ein wenig schlechtes Gewissen war vielleicht auch dabei, denn wir hielten mit unserer einen Küche ja die halbe Brunnthaler Belegschaft in Atem.
Also beschlossen wir kurzerhand, die Montage in Eigenregie durchzuführen. Es folgte die Anschaffung zahlreichen Werkzeugs, das man eigentlich ja sowieso ständig braucht. Wie war ich bisher nur ohne Forstner-Bohrer ausgekommen? Im Zuge dieses Projekts lernte ich viel Neues, z.B. dass man im Amazon-Warenkorb ab 11 Artikeln umblättern muss und dass das einzig wahre Stichsägen-Sägeblatt für Küchenarbeitsplatten das Bosch T 144 DP ist.
Und dass Ikea keine Küchen verkauft, sondern eben lieber Bretter.
Übrigens ist die obige Küchenmontage-Preisliste auf ikea.de bis heute nicht geändert worden. Ob sie auch noch so in Brunnthal ausliegt, werde ich in Erfahrung bringen, wenn ich mit meiner Kettensäge (Amazons “Kunden kauften auch…” :-) dort mal vorbeischaue und demonstriere, wie man so ein Pressspan-Möbelstück in 20 Sekunden an jeden beliebigen Eckwinkel anpasst!


