Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich in letzter Zeit immer häufiger zur Klatschpresse greife. Noch bin ich nicht so weit gegangen, dass ich mir ein solches Magazin tatsächlich kaufen würde (aber ich glaube ja auch nicht mehr an Präsenzhandel) – aber meine häufige Anwesenheit in (Frauen-)Arztwartezimmern der letzten Wochen führt dazu, dass ich bestens über Brangelina, Harper Seven Beckham und den vielleicht vorhandenen Babybauch von Jennifer Aniston informiert bin.
Früher beschränkte sich diese mit einigen Schuldgefühlen gepflegte Leidenschaft auf die gelegentlichen Friseurbesuche. Damals verglich ich das mit Schokolade: Irgendwie weiß man, dass es nicht gut ist, kann aber trotzdem nicht aufhören, davon zu naschen, hat hinterher einen sauren Geschmack im Mund und ein schlechtes Gewissen …
Aber in letzter Zeit, sprich seit dem Mutterschutz, freue ich mich richtig auf die wöchentlichen 20 Minuten CTG-Aufzeichnung, wo die Boulevardpresse schon bereit liegt. Noch viel schlimmer: Früher konnte ich mir nicht länger als eine halbe Stunde merken, was ich da eigentlich gerade gelesen habe – heute sehe ich Jennifer Aniston auf dem Cover und bekomme leuchtende Augen: “oh, vielleicht erfahren wir jetzt, ob sie wirklich schwanger ist!”
Ich könnte natürlich auch, wenn ich beim Arzt bin, zu etwas Halbseriösem wie Spiegel oder Stern greifen. Warum also üben die Promis zur Zeit eine solche Faszination auf mich aus? Interessanterweise finde ich die Antwort bei ebensolchen halbseriösen Magazinen:
“Denn Stars und Prominente bilden eine Art Familienersatz, sozusagen unseren gemeinsamen virtuellen Freundes- und Familienkreis (…). Soziologen nennen dieses Phänomen “parasoziale Interaktion”: Wir bauen emotionale Bindungen zu Medienpersönlichkeiten auf (…). Diese Gefühle durchleben wir dann fast so intensiv wie bei Menschen, die wir persönlich kennen.”
Autsch. Ich fühle mich ein wenig ertappt. Es stimmt schon: Momentan sind meine wichtigsten Sozialpartner die beiden Katzen – und natürlich der Göttergatte, der abends heimkommt.
Die schlechte Nachricht: Der neue Sozialpartner, der bald kommt, wird mich zunächst auch nicht mit geistreichen Gesprächen versorgen – aber die gute Nachricht: ich werde dann auch nicht mehr so viel Zeit haben, um mich um meine Ersatzfamilie zu kümmern.