Mutter schafft

Zunächst mal möchte ich einen neuen Begriff etablieren. Es gibt Frischverliebte und Frischvermählte, aber für den Zustand des Frisch-Eltern-Geworden-Seins fehlt das Äquivalent. Voilá: Wir sind Frischverelterte.

Der Göttergatte/Kindsvater und ich haben einen Deal: Jeder schreibt über seine Eindrücke des Frischvereltertseins, und erst dann lesen wir den Artikel des jeweils anderen.

Interessanterweise wollte ich immer gerne Kinder (zumindest mal eins), aber nicht unbedingt Mutter sein. Letzteres bleibt aber natürlich nicht aus – und warum schafft mir dieses Wort Unbehagen? Vielleicht, weil ich damit die Aufgabe sämtlicher anderer Rollen (Frau, Geliebte, Therapeutin, Freundin, Schwester) verbinde. Aber muss das so? Womit wir beim Thema wären.

Die große, spektakuläre Veränderung – die Öffnung einer neuen Gefühlsdimension – die komplette Umwälzung der Persönlichkeit, der Partnerschaft, des Lebensgefühls und -wandels: All das hat nicht stattgefunden. Es fühlt sich erstaunlich normal an, ein Kind zu haben. Meine Gefühle für den Göttergatten/Kindsvater haben sich nicht geändert. Meine Einstellung zum Leben, das, was mir wichtig ist: Unverändert. Ja, ich gestehe: Gut zwei Wochen nach der Geburt freue ich mich auch schon wieder darauf, in einem Jahr arbeiten zu gehen.

Natürlich sind auch ein paar Dinge neu. Und vieles wird wahrscheinlich einfach noch kommen. Die gefühlsmäßige Realisierung des Ganzen zum Beispiel. Unabhängig voneinander bekamen wir sentimentale Gefühle, als wir die Geburtsurkunde unseres Sohnes in der Hand hielten.

Was den Rest der bisherigen Erfahrungen angeht: Vielleicht liegt’s am notorischen, vielbesungenen Schlafmangel – vielleicht daran, dass das Ganze eine wenig verbale, wenig kognitive Erfahrung ist (“einfach Kopf ausschalten”, sagte ein guter Freund und Vater von zwei Söhnen neulich zu mir) – ich kann die Eindrücke kaum in Worte, am ehesten aber in Stichworte fassen. Here goes.

  • Stilldemenz ist geschlechterübergreifend. Die ersten Tage nach meiner, pardon, unserer Ankunft aus der Klinik fanden der Kindsvater uns im permanent zerstreuten Zustand. Ständig blieb rechts und links alles liegen. “Was wollte ich noch eben?” wurde der am häufigsten geäußerte Satz. Inzwischen haben wir uns etwas angepasst. Wir machen einfach nicht mehr so viel gleichzeitig.
  • Sinneseindrücke. Die ruckartigen Kopfbewegungen meines Sohnes, wenn er nachts nach der Brustwarze sucht. Milchgeruch aus seinem Mund (die Milch, die von mir kommt!). A propos Geruch: Milchstuhl stinkt zum Himmel! (Man braucht trotzdem keinen sündhaft teuren Windeleimer mit Desinfektionskassette.) Seine großen Augen, wenn sie einen Moment an meinem Gesicht hängen bleiben (erkennt er mich?was denkt er wohl?). Seine Finger, die beim Stillen gedankenverloren an meinem Hemd nesteln. Der Zug an der Brustwarze (wer hat erzählt, Stillen sei eine genussvolle Erfahrung für die Mutter?!). Der verzweifelte Versuch, aus dem Schreien herauszulesen, was das Kind hat. Obertöne = Hunger? Keine Luft mehr bekommen = Wut? Quäken = Langeweile? (Zitat unserer Hebamme: Für die nächsten Wochen seid ihr Forscher.)
  • Körperliches.Wehen: Rückenschmerzen mit gleichzeitigem Gewichtheben. Pressdrang: Oh bitte, lasst mich pressen! Nichts anderes will ich jetzt, nur pressen! Nein, nicht ich will - ES presst! Kaiserschnitt bei vollem Bewusstsein: Das Kind wird aus mir herausgedrückt und gezogen. Stillen lernen: Noch nie haben so viele Menschen meine Brust in der Hand gehabt. Mehr oder weniger wohlmeinende Krankenschwestern versammelten sich am Tag der Geburt um mein Bett, um mir – um uns! – das Stillen beizubringen. Mein Bauch gehört mir: Neulich ertappte ich mich, wie ich die Hand auf meinen Bauch legte und lauschte. Da musste ich lächeln. Ich bin wieder allein in meinem Körper. Das ist schön.
  • Vater/Mutter/Partnerschaft: Wir sind vor einiger Zeit an einem Punkt in unserer Ehe und Beziehung angekommen, wo sich vieles leicht und selbstverständlich anfühlt. Das Elternsein reiht sich bisher nahtlos ein. Fühlt sich an wie Schwimmen. Wann wir das erste Mal Wasser schlucken oder in die Strömung geraten, weiß ich nicht. Aber ich weiß, wir bleiben wir. Und wer unser Sohn ist, werden wir nach und nach erfahren.

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