“Hallo, ich bin die Mama vom Erik.”
Ich kann schon nicht mehr zählen, wie oft ich mich in den letzten vier Monaten so vorgestellt habe. Und auch wenn keiner wissen will, wer ich bin, interessieren sich die meisten, die mir begegnen (Straße, Supermarkt etc.) vor allem für den Junior.
Ich bin aber doch noch mehr, meldet sich eine trotzige Stimme in mir. OK, prä-Erik war wahrscheinlich der häufigste Satz “Hallo, ich bin Ihre Therapeutin” (oder Neuropsychologin in der Klinik). Das ist aber eine Rolle, die man abends ablegen kann (meistens jedenfalls) und die in der Klinik sogar deutlich mit Kittel und Namensschild gekennzeichnet ist.
Mama aber bin ich immer, 24-7. Brust rausholen im Arztwartezimmer? Plötzlich kein Problem mehr. Nächtliches Windelwechseln? Geht mit nur einem offenen Auge.
Und dann gibt’s diese Momente, wenn die Spätnachmittagssonne ins Fenster scheint und das Kind ein Spätnachmittagsnickerchen macht, wo ich dem nachsinne, was mich noch so alles ausmacht. Außer Mama-Sein.
Da gibt’s die Interessen, die Jörg und ich gemeinsam haben. Glücklicherweise, denn ich bin überzeugt, dass das Rezept für eine gute Ehe die gemeinsamen Interessen und Aktivitäten beinhaltet. Moderne Kunst, Lesen, Reisen, Wandern, Heimkino. Oliver Kalkofe, veganes Essen, Jazz- und Rockkonzerte. Um nur einige zu nennen.
Und dann gibt es den ganz speziellen Niki-Bereich. Die Dinge, die von Jörg teilweise mit Bewunderung und Respekt, teilweise mit Gleichmut oder gar mit völligem Unverständnis betrachtet werden.
Der Hang zu abenteuerlichen Hobbys: Improtheater, Gerätetauchen, Saxophonspielen, Westernreiten. Leider alles aus Zeitmangel wieder drangegeben oder auf Eis gelegt.
Mozart-Opern. In den vergangenen Jahren ist es mir tatsächlich geglückt, noch mal die Zauberflöte zu sehen. An Opern anderer Komponisten habe ich mich bisher vergeblich versucht. Bei Siegfried bin ich (wirklich!) eingeschlafen, und ich erinnere mich dunkel an eine avantgardistisch inszenierte Verdi-Oper, wo irgendwann Toastbrot ins Publikum geworfen wurde und Leute im Froschkostüm auf die Bühne liefen. (Klingt im Nachhinein eher nach Lynch-Film oder einem abgefahrenen Traum. Ich muss den Studienfreund, mit dem ich die Oper damals gesehen habe, noch mal fragen, ob das wirklich passiert ist.)
Die kleinen Genüsse: Ich liebe Hochglanzmagazine, die über fremde Kulturen und Tiefseefische berichten. Ich schreibe gern kleine Gedichte (meine Mutter, die Autorin, würde sie eher als “Kurzprosa” bezeichnen). Ich koche und esse gerne, Letzteres sieht man mir wohl leider auch an. Ich trinke gerne Tee in diversen Ausführungen. Und die Inspiration für diesen Artikel bekam ich, weil in der wöchentlichen Biokiste diesmal Werbung für eine Wein-und-Käse-Aktion lag. Was bei Jörg schon beim Hören zu Würgreiz führt, hat bei mir beim Durchlesen gerade Speichelfluss und genussvolles Augenverdrehen ausgelöst:
Pavè Correzien: spezielle Käsemilben tragen, nur äußerlich, zur Reifung bei: urig aussehende Rinde, darunter ein mürber, cremiger, sehr aromatischer Käse.
Carmenère: Rotwein, kräftig wie geschmeidig, mit deutlicher Kirschfrucht aus einer der typischen Trauben Chiles.
Oh, wie herrlich wäre eine Woche in Frankreich, wo ich mich ausschließlich von Wein und Käse ernähren könnte. Vielleicht ein bisschen Baguette dazu. Nur ich, ganz allein.