Ein Thema, das mir wirklich am Herzen liegt: Veganismus.
Ich bin absolut überzeugt davon, dass das der richtige, gesündeste und einzige ethisch vertretbare Lebensweg ist. Warum schaffe ich es dann nicht ganz?
Vegetarier bin ich schon sehr lange. Es begann, ganz romantisch, mit dem Füttern von Kälbchen auf dem benachbarten Bauernhof. Da war ich in einem Alter, wo man die Welt hinterfragt (ca. 6 Jahre). Gewusst hatte ich auch schon vorher, dass das Fleisch von lebenden Wesen kommt. Aber als ich an dem Tag kapierte, dass diese Kälbchen gemästet wurden, um dann im Menschenmagen zu landen, beschloss ich, kein Fleisch mehr zu essen.
Zum Glück war mein 5 Jahre älterer Bruder der Vorreiter und auch schon lange Vegetarier (seit er gehört hatte, dass in den Würstchen Schweine drin sind). Und zum Glück war und ist meine Mutter immer schon total offen für gesunde, alternative Küche. Mit uns gemeinsam entdeckte sie Sojawürstchen und Brotaufstrich auf Hefebasis. Und das zu einer Zeit, wo es nur ein paar kleine Reformhäuser gab und nicht wie heute die großen Bioladen-Ketten. Ich habe Fleisch wirklich nie vermisst.
Ein paarmal in meinem Leben hatte ich plötzlich das Gefühl, mir ginge was ab. Weniger gesundheitlich (dazu später mehr), aber es gibt so viele, die sagen, welche Geschmacksvielfalt Fleisch doch mit sich bringt. Aber ich hatte es mir zu dem Zeitpunkt wirklich abgewöhnt. Es schmeckt deutlich nach Tier. Allein die Textur: das Sehnige, Faserige. Und ich konnte wirklich nicht mehr ausblenden, dass das, was auf meinem Teller liegt, mal gelebt hat. Ich erinnere mich an einen Türkeiurlaub im Winter, einsames Fischerdorf, weit und breit keine anderen Touristen. Wir waren fast die einzigen Gäste in einer netten kleinen Pension. Der Besitzer wollte so gerne für uns kochen. Na gut, dachten wir, dann halt mit Fisch, da machen wir eine Ausnahme. Aufgrund von Verständigungsschwierigkeiten bekamen wir keine mit Fisch gefüllten Weinblätter, sondern einen Fisch gefüllt mit Reis (der normalerweise in Weinblätter gefüllt wird). Der hatte noch Augen und alles. Ich habe ein paar Bissen genommen und danach auf dem Zimmer geweint.
Die Entscheidung zum Vegetarismus also fiel und fällt mir denkbar leicht. Mein jüngerer Bruder (der auch schon in der Kindheit von unserer gemeinsamen Ideologie “angesteckt” wurde) kam schließlich zum Veganismus. Nebenbei ist er auch noch Bodybuilder, also von gesundheitlichen Einschränkungen keine Spur. Erst durch ihn begann ich, mich mit der Ethik auseinanderzusetzen. Und schlussfolgerte: Vegetarismus ist eigentlich inkonsequent. Wenn der Grund für meinen Verzicht der ist, dass kein Tier leiden muss: Was ist dann mit Legebatterien, Massentierhaltung von Rindern für Milchproduktion?
Dann wäre da noch die Bio-Diskussion. Wenn schon Milch und Eier, dann von lokalen Bauern; da geht’s den Tieren doch gut. Hmmja. Auch Biokühe bekommen Euterentzündungen; auch deren Kälber werden mit künstlicher Nahrung großgezogen. Alt werden Milchkühe aufgrund der Belastung auch nicht. Dann am ehesten vielleicht noch Eier? Und was passiert eigentlich mit den überflüssigen männlichen Küken? …Erraten …
Ganz nebenbei wäre der Verzicht auf Milchprodukte (das mit dem Ei fällt mir persönlich überhaupt nicht schwer und ja, man kann kochen und backen ganz ohne Ei) auch noch besser für meine Figur: Es gibt zwar Soja- und Reismilchschokolade und auch milch- und eifreie Kekse, aber die sind teurer und schwerer verfügbar, daher konsumiere ich sie nur in Maßen.
Um zur Eingangsfrage zurückzukehren: Ich fürchte, es ist die gute alte Bequemlichkeit. Vegetarier sind mittlerweile so salonfähig, dass man selbst in gutbürgerlich-bayrischen Restaurants was findet. Und auf Partys gibt’s meistens auch genug Vegetarisches. Wenn man wirklich konsequent vegan ist, wird das schon schwieriger. Immer nur Pommes und Salat im Restaurant (und letzteren dann auch nur mit Essig und Öl) – das wird auf die Dauer eintönig.
Und ja, ich hasse dieses Statement, aber: Milchprodukte schmecken gut …
So werde ich wohl bei der 90%-Lösung bleiben. Immer wieder mal, so wie auch jetzt, versuche ich, mich wieder mehr zu veganisieren. Auf Joghurt zu verzichten und mehr selber zu kochen und zu backen.
Und wie machen wir das mit Erik? Das werden und wurden wir natürlich gefragt und haben uns, lange bevor das Thema Kinder akut war, immer wieder damit beschäftigt. Die eine Frage ist: Braucht er Fleisch und tierische Produkte? Und die andere: Soll er genügend Tierisches bekommen, um sich später selber dafür oder dagegen entscheiden können? – Nach meinen Recherchen ist zumindest vegetarische Ernährung im ersten Lebensjahr überhaupt kein Problem. Schnitzel braten werde ich ihm wohl nicht können. Ob er aber ab und zu ein “echtes” Würstchen bekommt oder zumindest, so lange er noch keine feste Nahrung isst, auch ein Gläschen mit Fleischigem? So ganz entschieden habe ich mich noch nicht. Ideologisch gesehen denke ich: Er soll die freie Wahl haben. Nur weil das der Weg seiner Eltern ist, muss es nicht seiner werden. Allerdings hoffe ich vor allem darauf, dass er durch Kinderkrippe und Freunde genug zum Probieren bekommt.
Ich habe mich hier bewusst kurzgefasst, was die typischen Argumente pro und kontra Veganismus angeht. Vieles ist an anderer Stelle schon viel besser gesagt worden. Wen’s näher interessiert, hier eine kleine Linksammlung und Lektüretipps:
Ethik und Ideologie:
Jonathan Safran Foer, “Eating Animals” (eine sehr persönliche und gut recherchierte Sammlung von Essays über Massentierhaltung, unterhaltsam zu lesen)
Bob & Jenna Torres, “Vegan Freak” (geht schon ins Militante, bleibt dabei aber humorvoll)
We feed the world (Dokumentarfilm über den Weg des Essens. Nicht spezifisch zum Thema Veganismus, aber eindrücklich, wie die Nahrungsmittelindustrie funktioniert. Der Nestle-Typ ist der Hammer.)
Earthlings (starker Tobak. Am besten nicht nebenher essen.)
Gesundheit:
Joel Fuhrman, “Eat to live” (ein amerikanischer Arzt, der Veganismus aus gesundheitlichen Gründen empfiehlt)
Claus Leitzmann & Markus Keller, “Vegetarische Ernährung” (umfassendes Werk, geht auch auf Veganismus ein)
Irmela Erckenbrecht, “Das vegetarische Baby” (Super Leitfaden für Schwangerschaft und Stillzeit, aber nicht nur!)
Eine gute Linksammlung findet sich auch auf vegan.at.
Und was isst man dann so?
Der Kochkanal von Attila Hildman auf youtube hat schon Kultstatus (ist mir persönlich ein bisschen mainstreamig).
Post Punk Kitchen: einfach nur geniale Rezepte.
Mein persönliches Lieblings-Vegan-Kochbuch: Heike Kügler-Anger, “Käse veganese”. Von Brotaufstrich, Salatsoßen über Aufläufe und Nachtisch alles dabei und alles lecker (wenn auch nicht immer so käsig wie angegeben).
Fein vegan ausgehen: Unbedingt ins Max Pett.
Gemütlich bei Tee und Kuchen: Tushita.
Abends in die Kneipe und einen ordentlichen Happen: Cafe Kopfeck.