Mother and Son

Kürzlich in der Geo gelesen: Der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist gar nicht so groß. Alles hausgemacht, alles Erziehung.

Also gut, ich kann mich nicht davon freimachen, gewisse Vor-Einstellungen, ja, Vor-Urteile gehabt zu haben, als ich das Geschlecht meines Kindes erfuhr.Und nicht nur ich.

Schon bei der Prognose des Geburtstermins hörte ich in der Verwandtschaft und Bekanntschaft: Die Jungs kommen immer eher früher. Nein, die Jungs kommen immer spät. Jörgs erster Kommentar, als wir aus der Ultraschall-Praxis kamen und das Geschlecht erfahren hatten: Dann kann ich ja mein ferngesteuertes Auto behalten.

Mehr oder weniger unbewusst habe ich sicher schon auf das Neugeborene andere Attribute übertragen, als wenn’s ein Mädchen wäre: ein Robust und kräftig. Ein Wonneproppen. Wäre ein Mädchen so proper gewesen, ich hätte mir vielleicht Sorgen gemacht: Nicht, dass sie in der Pubertät Gewichtsprobleme bekommt, so wie ich …? Erik war zwei Tage alt, da sagte die Oberärztin, als sie uns im Bett kuscheln sah: Ja, die Jungs. Die wollen immer kuscheln. Die Mädchen sind da unabhängiger. Die Frauenärztin bei der 6-Wochen-Nachuntersuchung, als ich sagte, Erik brauche abends lange, um ins Bett zu gehen: Jaja, so sind die Jungs. Diskussion neulich beim fitdankbaby (tolles Konzept übrigens) übers Abstillen: Die Jungs brauchen da halt länger, die Mädchen stillen sich selber ab.

Meine Mutter, Mutter von vier Söhnen und einer Tochter: Jungs sind früher dran mit der Motorik, Erik wird bestimmt bald laufen. Freundinnen und Nachbarinnen mit Söhnen: Jungs sind später dran mit der Motorik. In der PEKIP-Gruppe war das Kind, das als erstes krabbeln und sitzen konnte, ein Mädchen.

Und das Spielverhalten? In den ersten drei Jahren gibt’s keinen Unterschied, sagt der Kleinkinderpapst Largo.

Alles die Gesellschaft schuld also. Im Kinderkleider-Katalog sind die Mädchen als Prinzessinnen und Feen eingekleidet, die Jungs als Ritter. Die Mädchen brauchen

Bequeme Schnittformen und fruchtige Farben für den Ausritt im Schlosspark … (man weiß ja nie, ob ein Prinz vorbeikommt!)

(Vertbaudet-Katalog S. 98)

Die Kleidung der Jungs dagegen wird als “robust und unverwüstlich” angepriesen (selber Katalog S. 78). Bräuchte man zum Reiten nicht auch robuste ….?

Und was ist mit der Tatsache, dass mein Sohn, seit er ein halbes Jahr ist, jedem Auto, Bagger, Zug, Lastwagen hinterherschaut? Diese Fahrzeuge sind halt, so hörte ich unlängst, multisensorische Erfahrungen. Sind laut, groß, bunt und bewegen sich. OK, leuchtet ein.

Also, gute Nachricht, kann ich Erik doch bald ein Puppenhaus schenken.

Und was ist nun das erste Wort meines Sohnes, laut und deutlich vor der vierköpfigen Nachbarsfamilie vorgebracht:

Auto.

 

Das ABC der guten Unterhaltung

Ich schrieb ja bereits, dass der Jörg und ich einiges gemeinsam haben. Schon seit anno dazumal, bzw. 1995, gehen wir gerne auf Live-Konzerte. Hauptsächlich, so wurde uns kürzlich dargelegt, auf Stonerrock-Konzerte, aber auch Jazz ist gerne mal dabei. Post-Erik waren wir auf einem dieser Events, wo die Vorband sich als besser herausstellt als das Haupt-Event. Namentlich eine unmotivierte Performance von “The Atomic Bitchwax“: schlechter Sound, rotzig dahergespielt. Nach der großartigen Vorlage der Vorband “Been Obscene“, die uns bis dato unbekannt war, haben wir glatt das Konzert vorzeitig verlassen. Letztere eine Band aus dem benachbarten Salzburg, die sich am besten durch “Psychedelic Stonerrock” charakterisieren lässt. Fette Riffs, lange, psychedelisch anmutende Stücke, gute Stimme und verblüffend abwechslungsreicher Sound. Oder, wie die Webseite verspricht:

Driving riffs meet melancholic interludes, classic 4/4 beats complex rhythms and arrangements. A powerful, but sentimental up and down, that always finds its salvation in wonderful refrains.

Außerdem  vier nette Jungs, die live Spaß machen und denen es in München offensichtlich auch gefallen hat, “weil ihr seid a gut drauf” (Zitat Sänger Thomas Nachtigal).

Erik hat derweil zu Hause sein eigenes Rockfest veranstaltet und seine Oma auf Trab gehalten. Bei den nächsten anstehenden Events wird er’s hoffentlich machen wie an unserem Hochzeitstag und vier Stunden durchpennen. In den nächsten Monaten freuen wir uns auf Industrial Metal von Hanzel und Gretyl, die legendären Fu Manchu (jaja, OK, Stonerrock!) und nochmal WASP, zuletzt ja pränatal, um den Junior schon mal auf gute Musik vorzubereiten. Und die von Jörg dank Lastfm gemachte Neuentdeckung Panzerballett: Jazz-Metal. Wenn das nicht die Krönung ist.

Zu unseren Hobbys gehören neben “A wie Abrocken” natürlich auch H wie “Vor-dem-Heimkino-Hocken” und L wie Locken, äh, Lesen. Und zu guter Letzt natürlich Z wie: Zocken. Hauptsächlich Computerspiele, traditionell am C64, gerne auch in Gesellschaft.

Seit wir nun Eltern sind, wurde uns klar, dass die 8bit-Zeit vielleicht doch so lange zurück liegt, dass wir den Anschluss an die Interessen unseres Kindes verlieren könnten. Unseren Haushalt bereichert daher seit einiger Zeit eine PS2. OK, immer noch 10 Jahre zurück, aber immerhin. Bislang besitzen wir auch nur ein einziges Spiel, das aber schon für so viel Freude sorgt, dass sich die Anschaffung gelohnt hat: Need for Speed.

So hat, abends, wenn das Kind im Bett ist, die Aufforderung: “Komm, ich spiel noch mal den Cop und jage dich” nichts Anrüchiges, verspricht aber Spannung, Spiel und Speed. Wenn nicht das Babyfon dazwischenkommt.

Halbzeit

Die Hälfte meiner Elternzeit ist schon um. Es war sicher eines der bewegtesten Halbjahre meines Lebens.

Ja, wie isses nun so? Jörg fragte mich unlängst, ob ich Vollzeit-Mama-Sein anstrengender finde als Arbeiten. Und da gab es im letzten halben Jahr Phasen, wo ich das ganz eindeutig bejaht habe: Kaum Schlaf, 24 Stunden abrufbereit, ständige Unterbrechungen. Und das noch potenziert in Krankheits- und Zahnungsphasen.

Ich werde auch gelegentlich von Kinderlosen gefragt, ob ich denn eigentlich “noch nebenher arbeite”. Mag sein, dass es Kinder und Mütter gibt, wo das wunderbar funktioniert (ohne das Kind in Betreuung zu geben). Hier jedenfalls nicht. Wenn ich dann mal “Freizeit” habe, bin ich viel zu müde und unkonzentriert, um irgendeine “Denkarbeit” zu verrichten.

Gleichzeitig erlebe ich aber größere Freiheit und Entspannung, als ich sie im Berufsleben je hatte. Langer Nachmittagsschlaf, danach erstmal Kaffee trinken. Tagsüber ausgedehnte Spaziergänge. Einfach mal mit Erik auf dem Boden sitzen und (über) Bauklötze staunen. Abends todmüde ins Bett fallen und sich ausnahmslos auf den nächsten Tag freuen. Wie oft haben mich sonst vor dem Einschlafen ungelöste Arbeitsprobleme beschäftigt. Probleme, die in meiner jetzigen Arbeit auftreten, lassen sich meist durch Füttern, Wickeln oder Trösten relativ schnell beseitigen.

Und auch das frühe Aufstehen: So sehr ich auch klage, dass ich kein Morgenmensch bin – aber das frühmorgendliche Yoga lässt mich den Tag viel bewusster beginnen. Und freundliche Kindslaute sind so viel Schöner als Weckergepiepse.

Unlängst las ich in einem ehrlichen Elternbuch, dass man mit Kind ständig gefragt wird,  ob man schon einen Rhythmus und eine Routine hat, obwohl man doch genau das mit einem Kind nicht hat. Aber einen gewissen Rhythmus von Schlaf-Füttern-Spielen gibt es natürlich schon und der hat auch etwas fast meditativ Beruhigendes. Am Anfang war es eher Rätselraten, wenn das Kind schrie, was er nur hat – jetzt reicht ein fachmännischer Blick oder ein Ohr auf die Art des Schreis. Hunger, müde, langweilig. Oder, am Schlimmsten: Aua.

Doch, mich befällt eine gewisse Melancholie, dass diese gemeinsame Reise mit Erik durch sein erstes Lebensjahr auch irgendwann ein Ende hat. Wenn Gott und die schwarz-gelbe Regierung uns hold sind, wird Eriks zweites Lebensjahr nicht minder spannend, mit Kita-Eingewöhnung und meinem erneuten Arbeitsbeginn.

Kleinstkindkunstgenuss

Ich muss zugeben: vor einer größeren Unternehmung mit Erik graut’s mir immer ein bisschen. Eine innere Stimme meldet sich, die sagt “aaach, da muss ich so viel mitschleppen (Flaschepulverthermoskannespucktuchwindelwickelauflagefeuchttücherschnullerersatz-klamotten) und was ist, wenn er anfängt zu knatschen und alle gucken?”

Dann aber fällt mir ein, dass die Alternative wäre, keine sozialen und kulturellen Unternehmungen mehr zu machen und immer zu Hause zu hocken.

Also waren wir diesen Sonntag komplett mit Kind und Oma im Haus der Kunst. Diverse Fotos von Thomas Ruff, sehr abwechslungsreich, so ziemlich alles, was man mit Kamera und Nachbearbeitung am PC machen kann. Von nachbearbeiteten Marssondenbildern über Wohnzimmeraufnahmen aus den Siebzigern bis hin zu aus dem Internet heruntergeladenen und verfremdeten Pornobildern. Außerdem Gemaltes von Wilhelm Sasnal, angeblich der polnische Roy Lichtenstein. Auf jeden Fall aber sogar für meinen Geschmack (bin eigentlich kein Fan von Gemälden) nett anzusehen.

Und Erik? War vor allem begeistert von den Oberlichtern und Lampen. Und findet es generell immer gut, durch die Gegend geschoben zu werden. Hatte eine für ihn sehr aufwühlende Begegnung mit einem anderen Baby, das ihn erschrak, weil es ihm neugierig ins Gesicht packte. Wurde von einem netten Aufseher hinreißend gefunden, der sich gar nicht von ihm trennen mochte. Und hat uns ein neues Haus der Kunst gezeigt: Wo man in Ruhe stillen kann und wie man in dem Nazi-Prachtbau den Kinderwagen vom Erdgeschoss ins Obergeschoss bringen kann (indem die Aufseher per Funk einen Lastaufzug koordinieren).

Fazit: Spaß für die ganze Familie.

Und sonst so?

“Hallo, ich bin die Mama vom Erik.”

Ich kann schon nicht mehr zählen, wie oft ich mich in den letzten vier Monaten so vorgestellt habe. Und auch wenn keiner wissen will, wer ich bin, interessieren sich die meisten, die mir begegnen (Straße, Supermarkt etc.) vor allem für den Junior.

Ich bin aber doch noch mehr, meldet sich eine trotzige Stimme in mir. OK, prä-Erik war wahrscheinlich der häufigste Satz “Hallo, ich bin Ihre Therapeutin” (oder Neuropsychologin in der Klinik). Das ist aber eine Rolle, die man abends ablegen kann (meistens jedenfalls) und die in der Klinik sogar deutlich mit Kittel und Namensschild gekennzeichnet ist.

Mama aber bin ich immer, 24-7. Brust rausholen im Arztwartezimmer? Plötzlich kein Problem mehr. Nächtliches Windelwechseln? Geht mit nur einem offenen Auge.

Und dann gibt’s diese Momente, wenn die Spätnachmittagssonne ins Fenster scheint und das Kind ein Spätnachmittagsnickerchen macht, wo ich dem nachsinne, was mich noch so alles ausmacht. Außer Mama-Sein.

Da gibt’s die Interessen, die Jörg und ich gemeinsam haben. Glücklicherweise, denn ich bin überzeugt, dass das Rezept für eine gute Ehe die gemeinsamen Interessen und Aktivitäten beinhaltet. Moderne Kunst, Lesen, Reisen, Wandern, Heimkino. Oliver Kalkofe, veganes Essen, Jazz- und Rockkonzerte. Um nur einige zu nennen.

Und dann gibt es den ganz speziellen Niki-Bereich. Die Dinge, die von Jörg teilweise mit Bewunderung und Respekt, teilweise mit Gleichmut oder gar mit völligem Unverständnis betrachtet werden.

Der Hang zu abenteuerlichen Hobbys: Improtheater, Gerätetauchen, Saxophonspielen, Westernreiten. Leider alles aus Zeitmangel wieder drangegeben oder auf Eis gelegt.

Mozart-Opern. In den vergangenen Jahren ist es mir tatsächlich geglückt, noch mal die Zauberflöte zu sehen. An Opern anderer Komponisten habe ich mich bisher vergeblich versucht. Bei Siegfried bin ich (wirklich!) eingeschlafen, und ich erinnere mich dunkel an eine avantgardistisch inszenierte Verdi-Oper, wo irgendwann Toastbrot ins Publikum geworfen wurde und Leute im Froschkostüm auf die Bühne liefen. (Klingt im Nachhinein eher nach Lynch-Film oder einem abgefahrenen Traum. Ich muss den Studienfreund, mit dem ich die Oper damals gesehen habe, noch mal fragen, ob das wirklich passiert ist.)

Die kleinen Genüsse: Ich liebe Hochglanzmagazine, die über fremde Kulturen und Tiefseefische berichten. Ich schreibe gern kleine Gedichte (meine Mutter, die Autorin, würde sie eher als “Kurzprosa” bezeichnen). Ich koche und esse gerne, Letzteres sieht man mir wohl leider auch an. Ich trinke gerne Tee in diversen Ausführungen. Und die Inspiration für diesen Artikel bekam ich, weil in der wöchentlichen Biokiste diesmal Werbung für eine Wein-und-Käse-Aktion lag. Was bei Jörg schon beim Hören zu Würgreiz führt, hat bei mir beim Durchlesen gerade Speichelfluss und genussvolles Augenverdrehen ausgelöst:

Pavè Correzien: spezielle Käsemilben tragen, nur äußerlich, zur Reifung bei: urig aussehende Rinde, darunter ein mürber, cremiger, sehr aromatischer Käse.

Carmenère: Rotwein, kräftig wie geschmeidig, mit deutlicher Kirschfrucht aus einer der typischen Trauben Chiles.

Oh, wie herrlich wäre eine Woche in Frankreich, wo ich mich ausschließlich von Wein und Käse ernähren könnte. Vielleicht ein bisschen Baguette dazu. Nur ich, ganz allein.