Kleinstkindkunstgenuss

Ich muss zugeben: vor einer größeren Unternehmung mit Erik graut’s mir immer ein bisschen. Eine innere Stimme meldet sich, die sagt “aaach, da muss ich so viel mitschleppen (Flaschepulverthermoskannespucktuchwindelwickelauflagefeuchttücherschnullerersatz-klamotten) und was ist, wenn er anfängt zu knatschen und alle gucken?”

Dann aber fällt mir ein, dass die Alternative wäre, keine sozialen und kulturellen Unternehmungen mehr zu machen und immer zu Hause zu hocken.

Also waren wir diesen Sonntag komplett mit Kind und Oma im Haus der Kunst. Diverse Fotos von Thomas Ruff, sehr abwechslungsreich, so ziemlich alles, was man mit Kamera und Nachbearbeitung am PC machen kann. Von nachbearbeiteten Marssondenbildern über Wohnzimmeraufnahmen aus den Siebzigern bis hin zu aus dem Internet heruntergeladenen und verfremdeten Pornobildern. Außerdem Gemaltes von Wilhelm Sasnal, angeblich der polnische Roy Lichtenstein. Auf jeden Fall aber sogar für meinen Geschmack (bin eigentlich kein Fan von Gemälden) nett anzusehen.

Und Erik? War vor allem begeistert von den Oberlichtern und Lampen. Und findet es generell immer gut, durch die Gegend geschoben zu werden. Hatte eine für ihn sehr aufwühlende Begegnung mit einem anderen Baby, das ihn erschrak, weil es ihm neugierig ins Gesicht packte. Wurde von einem netten Aufseher hinreißend gefunden, der sich gar nicht von ihm trennen mochte. Und hat uns ein neues Haus der Kunst gezeigt: Wo man in Ruhe stillen kann und wie man in dem Nazi-Prachtbau den Kinderwagen vom Erdgeschoss ins Obergeschoss bringen kann (indem die Aufseher per Funk einen Lastaufzug koordinieren).

Fazit: Spaß für die ganze Familie.

Und sonst so?

“Hallo, ich bin die Mama vom Erik.”

Ich kann schon nicht mehr zählen, wie oft ich mich in den letzten vier Monaten so vorgestellt habe. Und auch wenn keiner wissen will, wer ich bin, interessieren sich die meisten, die mir begegnen (Straße, Supermarkt etc.) vor allem für den Junior.

Ich bin aber doch noch mehr, meldet sich eine trotzige Stimme in mir. OK, prä-Erik war wahrscheinlich der häufigste Satz “Hallo, ich bin Ihre Therapeutin” (oder Neuropsychologin in der Klinik). Das ist aber eine Rolle, die man abends ablegen kann (meistens jedenfalls) und die in der Klinik sogar deutlich mit Kittel und Namensschild gekennzeichnet ist.

Mama aber bin ich immer, 24-7. Brust rausholen im Arztwartezimmer? Plötzlich kein Problem mehr. Nächtliches Windelwechseln? Geht mit nur einem offenen Auge.

Und dann gibt’s diese Momente, wenn die Spätnachmittagssonne ins Fenster scheint und das Kind ein Spätnachmittagsnickerchen macht, wo ich dem nachsinne, was mich noch so alles ausmacht. Außer Mama-Sein.

Da gibt’s die Interessen, die Jörg und ich gemeinsam haben. Glücklicherweise, denn ich bin überzeugt, dass das Rezept für eine gute Ehe die gemeinsamen Interessen und Aktivitäten beinhaltet. Moderne Kunst, Lesen, Reisen, Wandern, Heimkino. Oliver Kalkofe, veganes Essen, Jazz- und Rockkonzerte. Um nur einige zu nennen.

Und dann gibt es den ganz speziellen Niki-Bereich. Die Dinge, die von Jörg teilweise mit Bewunderung und Respekt, teilweise mit Gleichmut oder gar mit völligem Unverständnis betrachtet werden.

Der Hang zu abenteuerlichen Hobbys: Improtheater, Gerätetauchen, Saxophonspielen, Westernreiten. Leider alles aus Zeitmangel wieder drangegeben oder auf Eis gelegt.

Mozart-Opern. In den vergangenen Jahren ist es mir tatsächlich geglückt, noch mal die Zauberflöte zu sehen. An Opern anderer Komponisten habe ich mich bisher vergeblich versucht. Bei Siegfried bin ich (wirklich!) eingeschlafen, und ich erinnere mich dunkel an eine avantgardistisch inszenierte Verdi-Oper, wo irgendwann Toastbrot ins Publikum geworfen wurde und Leute im Froschkostüm auf die Bühne liefen. (Klingt im Nachhinein eher nach Lynch-Film oder einem abgefahrenen Traum. Ich muss den Studienfreund, mit dem ich die Oper damals gesehen habe, noch mal fragen, ob das wirklich passiert ist.)

Die kleinen Genüsse: Ich liebe Hochglanzmagazine, die über fremde Kulturen und Tiefseefische berichten. Ich schreibe gern kleine Gedichte (meine Mutter, die Autorin, würde sie eher als “Kurzprosa” bezeichnen). Ich koche und esse gerne, Letzteres sieht man mir wohl leider auch an. Ich trinke gerne Tee in diversen Ausführungen. Und die Inspiration für diesen Artikel bekam ich, weil in der wöchentlichen Biokiste diesmal Werbung für eine Wein-und-Käse-Aktion lag. Was bei Jörg schon beim Hören zu Würgreiz führt, hat bei mir beim Durchlesen gerade Speichelfluss und genussvolles Augenverdrehen ausgelöst:

Pavè Correzien: spezielle Käsemilben tragen, nur äußerlich, zur Reifung bei: urig aussehende Rinde, darunter ein mürber, cremiger, sehr aromatischer Käse.

Carmenère: Rotwein, kräftig wie geschmeidig, mit deutlicher Kirschfrucht aus einer der typischen Trauben Chiles.

Oh, wie herrlich wäre eine Woche in Frankreich, wo ich mich ausschließlich von Wein und Käse ernähren könnte. Vielleicht ein bisschen Baguette dazu. Nur ich, ganz allein.

www.killerfluse.de

Aus aktuellem Anlass, Enjas zweitem Geburtstag, mal ein längst fälliger Blogartikel über unsere vierbeinigen Mitbewohner.

Unsere beiden Katzen haben, ähnlich wie Superhelden, mehrere Identitäten. Das gilt sowohl für ihre Namen als auch ihren Lebenswandel. Bürgerlich, d.h. im Impfpass eingetragen, heißen die beiden Nala und Enja. (Was auch nicht ganz korrekt ist, denn ursprünglich hieß Nala Simba, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.) Ihrem Charakter entsprechend bekamen sie von uns relativ schnell Spitznamen verpasst: Nala ist die Tröte. Man kann die Fanfare, die ihr Eintreffen im Hause begleitet, förmlich hören. Sie ist ein bisschen verrückt, hat spanisches Straßenkatzentemperament, spielt gern wild und inbrünstig, indem sie sich in (Katzen- oder Baby-) spielzeug verbeißt und mit den Hinterbeinen darauf herumtrommelt. Spielt sie mit ihrem Katzenbällchen, wird dies von trötenden Soundeffekten begleitet. Von einer Sekunde auf die andere kann ihre Laune sich ändern: Eben noch laut schnurrend, Köpfchen gebend und sich anschmiegend auf dem Schoß, beißt sie plötzlich zu und will nie die Erlaubnis zur Berührung erteilt haben. Eine Tröte eben.

Enja ist, in einem Wort, Fluse. Zunächst aufgrund ihres Äußeren: rassenbedingt (sie ist eine Maine Coon) hat sie langes, weiches Haar, das sich in langen, weichen Flusen in unserer Wohnung verteilt. Man muss allerdings zu ihrer Ehrenrettung sagen: Sie versucht die heruntergefallenen Flusen, wenn sie sie entdeckt, sofort oral zu resorbieren. Aber auch ihr Charakter ist, naja, einfach flusig. Verspielt, verschmust, gesprächig, sanft. Lieblingsschlafplatz: Mein Kopfkissen (während ich draufliege). Falls ich mal nicht vom Schreien des Sohnemanns wach werde, dann aber garantiert vom ohrenbetäubenden (weil direkt am Ohr liegenden) Flusenschnurren.

Bei Nacht jedoch, wo ja alle Katzen grau und alle Superhelden unterwegs sind: Da verwandeln sich beide in Killermaschinen. Die Jagdsaison, insbesondere für Mäuse, ist seit ein paar Wochen eröffnet. Und wer hätte das gedacht: die sanfte, schmusige Fluse hat bei der Jagd die Nase vorn. Mit gemischten Gefühlen musste ich schon mal mit ansehen, wie sie (tagsüber) im Garten einer schon völlig verstörten Maus immer wieder einen Schubs gab, dass sie sich doch noch mal bewegen und ihr ein sportlicher Target sein möge.

Wenn die beiden nur ihren Jagdtrieb draußen ausleben würden – meinetwegen. Aber gerne werden nachts die halbtoten (Betonung auf halb!) Mäuse auch ins Schlafzimmer gebracht. Mein Göttergatte greift daher seit Neuestem auch mal beherzt zum Staubsauger, nachdem wir mehrfach den Lebenswillen der Nager unterschätzt haben und die Totgeglaubten mit einem letzten Sprint hinter Möbeln und in Ecken verschwanden.

Ein Kater namens Jeff hat bereits seinen eigenen Webauftritt. Unsere Tröte und Fluse schlagen ihn bestimmt im Body Count um Längen. Spitzenwert: drei in einer Nacht.

Und der Sommer kommt erst noch.

Fideralala

Damals, als wir noch kein Kind hatten und die Welt der Eltern skeptisch beäugten, hatte Jörg ein Wort, mit dem er das gesammelte Grauen vor allem, was das Eltensein mit sich bringt, verband:

Babyschwimmen.

Schien es uns doch, dass man, wenn man Elten wird, plötzlich die Hälfte seiner Gehirnzellen verliert, nur noch von anderen Eltern und Kindern umgeben ist, und alle lustigen Veranstaltungen mit Babys mitmacht. Und auch noch Spaß dabei hat. Wie kommt das, fragten wir uns. Findet bei der Geburt eine Gehirnwäsche statt? Beunruhigt fragte er einen damaligen Kollegen, ob der es denn nicht komisch fände: Plötzlich sei man Vater und fände solche Dinge wie Babyschwimmen gut, mit denen man doch vorher überhaupt nichts anfangen konnte. Die Antwort des Kollegen:

“Och, Babyschwimmen macht aber echt Spaß.”

Nun gut, wir haben doch ein Kind bekommen, trotz allem. Und schon in der Schwangerschaft setzte ich mich mit der Frage auseinander, ob wir unseren Sohn dem Frühförderungswahn aussetzen wollen. Wir, das heißt in dem Falle ich, denn Jörg ist ja fein raus als arbeitender Elternteil. Ganz egoistisch entschied ich dann, die klassische Triade PEKiP-Babymassage-Babyschwimmen mitzumachen – einfach, weil ich Sorge hatte, mich allein mit Kind zu langweilen und andere Mütter mit Kindern kennenlernen wollte.

Es begann mit PEKiP, von Kritikern als “bezahlter Kaffeeklatsch für Mütter” verschrien, von einer Freundin mit dem viel passenderen Spitznamen “Nackig-Krabbeln” bedacht. Und ich war positiv überrascht. Zwar war ohne Kind das Schwitzen in einem 27 Grad heißen Raum, während man hinter dem pinkelnden Kind herwischt, nicht meine Idealvorstellung von Unternehmung und ist es auch heute nicht. Aber das bewusstere Miterleben der Entwicklung und das Eingehen können auf Impulse, die das Kind von sich gibt, finde ich spannend. Und ja: Der Austausch mit Müttern, die Kinder im gleichen Alter haben, tut gut. Nirgendwo sonst bekäme man so viele Tipps gegen Koliken und Milchschorf, nirgendwo sonst wird so empathisch verstanden, wenn man berichtet, die Nacht war kurz.

Es folgte die Babymassage, weil ich hoffte, dass mein damals noch unter Koliken leidendes Kind dadurch etwas entspannen könne. Und auch davon war ich positiv überrascht. Erik gefällt die Massage richtig gut und es ist Zeit, die wir miteinander entspannt verbringen können. (Mal ehrlich: wer hätte was dagegen, jeden Abend massiert, gebadet, eingecremt und dann in den Schlaf gekuschelt zu werden? Wer macht das bitte mal mit mir?)

Nun also Babyschwimmen. Eine halbe Stunde pro Woche im Wasser. Davor Anfahrt, mich umziehen, Baby umziehen, mit Baby auf dem Arm duschen. Danach mit Baby auf dem Arm duschen, Baby umziehen (dabei frieren), mich umziehen, Abfahrt. Macht brutto anderthalb Stunden. Im Schwimmbad ist es ohrenbetäubend, weil erst die Kinder aus dem Kurs davor brüllen, wenn sie angezogen werden. Dann die Kinder im eigenen Kurs quäken (und in jedem Kurs ist ein Schreikind dabei, dessen Mutter tapfer die gesamte Kurszeit ein weinendes Kind wiegt. Würde ich mir nicht antun!).

Und dann das Singen. Im PEKiP, so erklärte uns die Kursleiterin beim Infoabend, würde klassischerweise nicht gesungen. Einige Eltern waren enttäuscht und die Kursleiterin versprach daraufhin, mal “das ein oder andere Schmuselied” zu singen. Es hält sich aber wirklich in Grenzen. Bei der Massage singen wir auch nicht (das ist anderswo aber auch anders, hab ich mir sagen lassen). Beim Babyschwimmen jedoch wird zu Anfang, zwischendrin und am Ende gesungen. Die Liedtexte wurden sogar mit der Anmeldungs-Email mitgeschickt (was ich geflissentlich übersah, aber rechtzeitig von einer anderen Kursteilnehmerin, die ich bereits von der Babymassage kannte, drauf hingewiesen wurde).

Zum Beispiel gibt es ein heiteres Begrüßungslied mit dem folgenden avantgardistischen Text (die Melodie ist auch nicht viel einfallsreicher, zum Glück ist dies kein Musikblog):

Hallo, hallo, schön dass du da bist

Hallo, hallo, wir freuen uns so sehr.

XY (Name des Kindes einsetzen) ist da, XY ist da, XY ist da, fiderallala.

Der geneigte Leser sei daran erinnert, dass sich ca. 10 Mütter mit Babys im Wasser befinden, d.h. dieses geniale Meisterwerk wird nun noch 9 mal wiederholt.

Der einzige Trost ist, dass ich durch fiderallala in erster Linie an Helge Schneider erinnert werde:

Und die Episode hat beim abendlichen Austausch auf dem Sofa für große Erheiterung gesorgt. Jörg hat’s halt schon immer gewusst: Babyschwimmen macht echt Spaß.