Du Wurst Deutschland!

Ich bin privat versichert, und das darf ich, weil mein Einkommen über der Versicherungspflichtgrenze liegt. Ist ja logisch.

Was passiert aber nun, wenn ich Elternzeit nehme? Dann bekomme ich eine Zeit lang Elterngeld und danach gar nichts, denn Elterngeld gibt’s pro Kind für beide Eltern kumulativ maximal 14 Monate. Nähme Niki also etwa ein Jahr Elternzeit und ich ein halbes, dann hätte ich zwei Monate lang ein reduziertes und vier Monate lang gar kein Einkommen. Mein Jahresbruttoverdienst würde also geringer ausfallen.

Huch, werde ich dann vielleicht versicherungspflichtig in der gesetzlichen Krankenversicherung? Eine absolute Standardfrage, schließlich teile ich dieses Schicksal mit allen privat versicherten Eltern, die Elternzeit nehmen und mehr als €300 netto verdienen.

Wie einfach wäre es nun für das BMFSFJ, eine kleine Webanwendung zur Verfügung zu stellen, in der wir unsere Situation eingeben (alle drei privat versichert, Einkommen soundso, Elternzeit dann und dann) und die uns daraufhin sagt, welche Möglichkeiten wir hinsichtlich der Krankenversicherung haben. Oder man könnte zumindest einen Text verfügbar machen, der die Gesetzeslage beschreibt, die das Ministerium ja (hoffentlich zumindest mit-) gestaltet hat.

Die entsprechende Seite, zuletzt aktualisiert am 01.01.2011 (war da wirklich ein Update am Feiertag?), bewirbt vollmundig “konkrete Antworten” und hat ganz tolle Buttons für Facebook, Twitter und sogar mySpace (was war das nochmal?). Aber der einzige Inhalt, eine 83-seitige PDF-Broschüre, erwähnt unseren Fall nicht einmal.

Googeln liefert Seiten wie frag-einen-anwalt.de, wer-weiss-was-ich-weiss-nix.de oder gutefrage-naechstefrage.net. Fantastisch.

Ich finde, wenn man schon einen Gesetzesdschungel baut (alles die Schuld der Vorgängerregierung, klar), sollte man es im Jahre 2012 wenigstens auf die Reihe kriegen, ihn vernünftig online zu dokumentieren. Wenn ich so programmieren würde, wie diese Leute arbeiten, müsste ich mich vermutlich mit der Frage “Elterngeld und Hartz IV” auseinandersetzen.

Du weißt, dass du kürzlich Mutter geworden bist, wenn …

… du in all deinen Jacken- und Handtaschen Schnuller und Windeln findest.

… du dich nach fünf Stunden ununterbrochenem Schlaf ausgeschlafen fühlst.

… du bei “U4″ nicht an den Münchner Verkehrsverbund, sondern den Kinderarzt denkst.

… du die Eltern von anderen Babys, denen du auf der Straße begegnest, nicht fragst, wie der/die Kleine heißt, sondern dich gleich nach Geburtsgröße und -gewicht erkundigst.

… dir wildfremde Menschen eine ruhige Nacht wünschen.

… du bei auf dem Bürgersteig parkenden Autos überprüfst, ob ein Kinderwagen dran vorbei passt – auch, wenn du dein Kind gar nicht dabei hast.

… dir erst, nachdem du schon aus dem Haus gegangen bist, auffällt, dass du heute noch gar nicht in den Spiegel geschaut hast.

… du schon ewig die Idee für diesen Blog-Artikel hattest, aber nie dazu gekommen bist.

 

(Ergänzungen erwünscht!)

Schlaf, Kindlein, Schlaf

Erik hat Koliken. So jedenfalls unsere Vermutung, da er typischerweise in den Abendstunden schreit und unruhig ist. Besonders gerne, wenn seine Eltern ins Bett gehen möchten. Anfangs haben wir’s achselzuckend als “Eriks abendliche Knatschrunde” definiert und gefunden, dass wir da alle drei durch müssen. Leider hat sich durch das Schreien und vermutlich durch die Verstopfung ein kleiner Nabelbruch gebildet. Empfehlung der Kinderärztin: Sab-Tropfen und möglichst wenig schreien.

Ist ja nicht so, als würden wir unser Kind gerne schreien hören. Und der gerne genommene Rat “einfach schreien lassen” (was wir sowieso nicht übers Herz brächten) wäre damit auch hinfällig.

Unsere Abende sind daher zum Versuchslabor geworden. Jörg praktiziert gerne ein geräuschvolles Anpusten mit geschlossenen Lippen (wirkt so lange, wie man Atem in der Lunge hat) oder ein Hin-und Herschaukeln zu fetziger Industrial-Musik.

Ich wälze sämtliche Baby-Ratgeber und Foren, bade ihn abends, gebe ihm Bauchwehtee (mit mittlerer Begeisterung akzeptiert), massiere ihn mit Lavendelöl (soll beruhigend wirken), habe uns bei der Babymassage angemeldet und versuche mich in mittelalterlichen Foltertechniken, pardon, modernen Beruhigungsmethoden wie Pucken:

Hat genau einen Abend lang geklappt und ich glaubte den Heiligen Gral gefunden, bis er sich am nächsten Abend nach fünf Minuten freistrampelte und weiterknatschte.

Weitere Ideen von zufälligen Bekanntschaften in Arztwartezimmern, Nachbarn, Hebammen und Großmüttern: Zwischen den Augen streicheln. Bauch kreisend massieren. Sanft auf den Popo klopfen. Fliegergriff. Ergänzende Vorschläge werden gerne entgegengenommen und ausprobiert.

Neueste Idee: die von Jörgs amerikanischen Kollegen schon in der Frühschwangerschaft erworbene Hightech-Schaukel:

Ein eben gestarteter Pilotversuch war erfolgreich. Heute abend folgt die Feuerprobe. Wir werden berichten.

Nachtleben, postnatal

Neulich noch mal im Radio gehört: “I don’t want to miss a thing” von Aerosmith. Neben sentimentalen Erinnerungen an die Neunziger, mein Teenager-Dachzimmer in Mettmann und das Auswendiglernen und Aus-dem-Englischen-Übersetzen von Songtexten, erinnert mich dieses Lied vor allem an den Film, für den es geschrieben wurde: Armageddon. Der einzige Film, den ich dreimal versucht habe, zu schauen, und dreimal dabei eingeschlafen bin. Was ironisch ist, wie mir neulich erst klar wurde, wenn man den Refrain des Liedes kennt:

I don’t wanna close my eyes

I don’t wanna fall asleep

Cause I’d miss you baby

And I don’t wanna miss a thing.

A propos Schlafen: Das kann ich glücklicherweise immer und überall. Als ich mit einer Freundin mit 18 Interrail gemacht habe, und sie nachtschwärmenderweise die Clubs unsicher machen wollte, bin ich irgendwann in der Disco neben der Lautsprecherbox eingeschlafen.

Eine Eigenschaft, die mir nun als Mutter zugute kommt. Nach der nächtlichen Fütterung sofort wieder einschlafen können, ist von Vorteil. Nachteil ist: ich schlafe auch während der Fütterung ein. Führt dann zu plötzlichem Erwachen, weil die Flasche aus meiner Hand fällt, oder ich im Sitzen Rückenschmerzen bekomme.

Es gibt aber auch solche Nächte, in denen der Sohnemann plötzlich 3 oder 4 Stunden durchschläft. Dann werde ich wach, versichere mich, dass das Kind noch lebt – und kann nicht mehr einschlafen.

 

Ich bedaure…

…denjenigen, der unmittelbar nach mir bei Aldi versucht, Schoko-Sojamilch einzukaufen.

Wir kaufen immer 48 Liter, 24 “natur” und 24 “Schoko”. Aldi führt aber ein festes Mengenverhältnis, und in jedem 12er-Karton sind maximal zwei Schokoliter. Ich baue also den Tetra-Turm soweit auseinander, bis im Einkaufswagen ein Mischungsverhältnis von 1:1 erreicht ist. Danach türme ich alles wieder zurück, und wer nicht tiefer als ein paar Meter gräbt, wird womöglich gar nicht bemerken, dass es Schoko-Sojamilch bei Aldi überhaupt gibt.

Vorgestern hat mich jemand angesprochen: Ob ich das alles alleine trinke? Und zum ersten Mal konnte ich sagen: Nein, das trinkt die ganze Familie! Ist natürlich gar nicht korrekt, denn Erik trinkt das Zeug ja nur indirekt. War aber trotzdem ein komisches Gefühl.

Ein Freund hat mich kürzlich mit der Frage konfrontiert, ob sich die Vaterschaft positiv auf mein Selbstvertrauen ausgewirkt habe. Auf die Idee war ich gar nicht gekommen, und die Antwort ist auch ein klares Nein. Ich habe ja bisher noch (fast) gar nichts geleistet, worauf sollte sich ein solches Vertrauensplus also gründen?

Allerdings bin ich in diversen sozialen Situationen im Moment etwas forscher, was nach außen vermutlich etwa denselben Eindruck erweckt. Zum Beispiel breche ich schonmal eine Unterhaltung relativ zeitgenau, gegebenenfalls auch mitten im Satz ab und verweise auf den Ruf der Familie (was jeder versteht). Oder – an dieser Stelle beziehe ich Niki mal einfach mit ein – wir verweigern uns aufwändigen und/oder allzu spontanen Aktivitäten (was fast jeder versteht).

Der Grund hierfür ist aber kein geturboboostetes Ego. Ich habe schlicht nur begrenzte Ressourcen und vermute bei meinen erwachsenen Mitmenschen eine gewisse Kompensationsfähigkeit, über die Erik im Alter von (Blick auf die Uhr) 38 Tagen noch nicht wirklich verfügt.

So, nun muss ich Schluss machen, er ist gerade am Einschlafen, und damit öffnet sich ein filmkompatibles Zeitfenster…