Vaterschafts-Fazit

[Niki und ich schreiben gleichzeitig und unabhängig voneinander unsere ersten Elternschafts-Artikel.]

Wie ist es denn nun, Vater zu werden? Nach gut zwei Wochen kann ich das selbstverständlich ultimativ beantworten. Doch zunächst ein Schritt zurück.

Ich hatte mich in den letzten Jahren mit vielen Freunden über diese Frage unterhalten und bin allen für ihre Geduld und Offenheit dankbar. In erster Linie habe ich folgende Aussage wahrgenommen:

Vater werden ändert dein Leben grundlegend. Es ist unmöglich zu beschreiben. Du musst es selbst erleben.

Das hat mich ein wenig verunsichert, weil ich gerne so ungefähr weiß, worauf ich mich einlasse. Natürlich erwarte ich keine konkrete Vorstellung, von der Geburt übers Abitur bis zur Habilitation, aber wenigstens so ungefähr, und auch das eigentlich nur in den ersten Jahren, denn weiter als 5 Jahre in die Zukunft zu planen halte ich ohnehin für Unsinn.

Nachdem Erik nun auf der Welt ist und ich ein paar Tage Zeit zum Sinnieren hatte, muss ich sagen: So ungefähr habe ich mir das vorgestellt. Ich finde es nicht unbeschreiblich, nicht unmöglich zu vermitteln und der Imagination durchaus zugänglich.

Da sind zunächst die äußeren Auswirkungen. Das Baby schreit, auch nachts oder wenn man an der Steuererklärung arbeitet, und muss gefüttert, gewickelt oder einfach geschaukelt und besungen (alternativ: besummt) werden.

Man kann nicht mehr so einfach zu zweit Dinge unternehmen, die über einen Spaziergang hinausgehen. Statt Kino gibt’s Amazon-DVD-Verleih per Post, und wenn man indisch essen will, bemüht man eben den Lieferservice.

Man steht plötzlich in der Drogerie vor dem Schnuller-Regal und sucht nach der richtigen Kombination von Material (Silikon vs. Latex), Öffnungsgröße (je nach Alter), Flüssigkeitstyp (Tee vs. Milch) und Ventiltechnik (man möchte ja nicht mitten in der Nacht eine Schnullerverstopfung debuggen).

Das alles hatte ich mir ungefähr so vorgestellt. Vieles lässt sich, ggf. unter Zuhilfenahme eines bei Freunden bereits vorhandenen Babys, relativ einfach ausprobieren (Empfehlung der Redaktion).

Nun zu den inneren Aspekten. Zunächst könnte man auf dieses winzige Wesen natürlich alle erdenklichen Erwartungen projizieren. Blockflöte spielen, Krawatten tragen und alten Omas über die Straße helfen. Das ist mir ehrlich gesagt einfach zu anstrengend; ich finde es angenehmer, mich überraschen zu lassen. Die Blockflöte kommt als erstes, aber bis dahin sind noch ein paar Jahre Zeit.

Meine Beziehung zu Erik ist noch relativ unidirektional. Ich gebe mir Mühe, seine Bedürfnisse zu erkennen und zu versorgen. Und dabei meine Visage in den 30-cm-Bereich zu halten, den er einigermaßen scharf sehen kann, damit er sich vielleicht mal daran erinnert, wer ihm damals immer den Schnuller wieder in den Mund befördert hat. Im Gegenzug schaut er mich groß an, und im Idealfall hört er auch auf zu schreien.

Natürlich habe ich (haben wir) eine große Verantwortung – größer als alle bisherigen Verantwortungen, ein neuer High Score sozusagen. Aber jeder gesunde Mensch spürt diese Verantwortung, wenn er sich mit einem Baby oder Kleinkind beschäftigt. Man kann einem Fünfjährigen z.B. sagen, “Der Storch hat dich gebracht.” Oder ihm einen Playboy zeigen. Je nachdem hat man dann 25 Jahre später einen Zeugen Jehovas oder einen Rockstar.

Aber im Ernst: Diese Verantwortung beschränkt sich zu Beginn auf die Überlebensfunktionen und die Nestwärme. Ich denke, später entwickelt sie sich individuell, je nach den Bedürfnissen des Kindes. Bei einem Säugling ist sie also relativ uniform und durchaus beschreib- und vorstellbar.

Zusammenfassend kann ich für meinen konkreten Fall vielleicht sagen, dass die äußeren Veränderungen schlagartig eintreten und stressig sind, während sich die innere Entwicklung langsam und ohne Stress vollzieht.

Ein bisschen hatte ich Angst, quasi hormonell ohne meine Zustimmung “umprogrammiert” zu werden. Schnuller und Windeln wirklich interessant zu finden. Aber das ist bisher zum Glück ausgeblieben. Beides ist ungefähr so faszinierend wie die Auswahl einer Mineralwassermarke oder von feuchtem Toilettenpapier.

Zum Schluss noch ein pragmatischer Tipp zur Schonung des Trommelfells beim Wickeln oder Fläschchen zubereiten:

Mutter schafft

Zunächst mal möchte ich einen neuen Begriff etablieren. Es gibt Frischverliebte und Frischvermählte, aber für den Zustand des Frisch-Eltern-Geworden-Seins fehlt das Äquivalent. Voilá: Wir sind Frischverelterte.

Der Göttergatte/Kindsvater und ich haben einen Deal: Jeder schreibt über seine Eindrücke des Frischvereltertseins, und erst dann lesen wir den Artikel des jeweils anderen.

Interessanterweise wollte ich immer gerne Kinder (zumindest mal eins), aber nicht unbedingt Mutter sein. Letzteres bleibt aber natürlich nicht aus – und warum schafft mir dieses Wort Unbehagen? Vielleicht, weil ich damit die Aufgabe sämtlicher anderer Rollen (Frau, Geliebte, Therapeutin, Freundin, Schwester) verbinde. Aber muss das so? Womit wir beim Thema wären.

Die große, spektakuläre Veränderung – die Öffnung einer neuen Gefühlsdimension – die komplette Umwälzung der Persönlichkeit, der Partnerschaft, des Lebensgefühls und -wandels: All das hat nicht stattgefunden. Es fühlt sich erstaunlich normal an, ein Kind zu haben. Meine Gefühle für den Göttergatten/Kindsvater haben sich nicht geändert. Meine Einstellung zum Leben, das, was mir wichtig ist: Unverändert. Ja, ich gestehe: Gut zwei Wochen nach der Geburt freue ich mich auch schon wieder darauf, in einem Jahr arbeiten zu gehen.

Natürlich sind auch ein paar Dinge neu. Und vieles wird wahrscheinlich einfach noch kommen. Die gefühlsmäßige Realisierung des Ganzen zum Beispiel. Unabhängig voneinander bekamen wir sentimentale Gefühle, als wir die Geburtsurkunde unseres Sohnes in der Hand hielten.

Was den Rest der bisherigen Erfahrungen angeht: Vielleicht liegt’s am notorischen, vielbesungenen Schlafmangel – vielleicht daran, dass das Ganze eine wenig verbale, wenig kognitive Erfahrung ist (“einfach Kopf ausschalten”, sagte ein guter Freund und Vater von zwei Söhnen neulich zu mir) – ich kann die Eindrücke kaum in Worte, am ehesten aber in Stichworte fassen. Here goes.

  • Stilldemenz ist geschlechterübergreifend. Die ersten Tage nach meiner, pardon, unserer Ankunft aus der Klinik fanden der Kindsvater uns im permanent zerstreuten Zustand. Ständig blieb rechts und links alles liegen. “Was wollte ich noch eben?” wurde der am häufigsten geäußerte Satz. Inzwischen haben wir uns etwas angepasst. Wir machen einfach nicht mehr so viel gleichzeitig.
  • Sinneseindrücke. Die ruckartigen Kopfbewegungen meines Sohnes, wenn er nachts nach der Brustwarze sucht. Milchgeruch aus seinem Mund (die Milch, die von mir kommt!). A propos Geruch: Milchstuhl stinkt zum Himmel! (Man braucht trotzdem keinen sündhaft teuren Windeleimer mit Desinfektionskassette.) Seine großen Augen, wenn sie einen Moment an meinem Gesicht hängen bleiben (erkennt er mich?was denkt er wohl?). Seine Finger, die beim Stillen gedankenverloren an meinem Hemd nesteln. Der Zug an der Brustwarze (wer hat erzählt, Stillen sei eine genussvolle Erfahrung für die Mutter?!). Der verzweifelte Versuch, aus dem Schreien herauszulesen, was das Kind hat. Obertöne = Hunger? Keine Luft mehr bekommen = Wut? Quäken = Langeweile? (Zitat unserer Hebamme: Für die nächsten Wochen seid ihr Forscher.)
  • Körperliches.Wehen: Rückenschmerzen mit gleichzeitigem Gewichtheben. Pressdrang: Oh bitte, lasst mich pressen! Nichts anderes will ich jetzt, nur pressen! Nein, nicht ich will - ES presst! Kaiserschnitt bei vollem Bewusstsein: Das Kind wird aus mir herausgedrückt und gezogen. Stillen lernen: Noch nie haben so viele Menschen meine Brust in der Hand gehabt. Mehr oder weniger wohlmeinende Krankenschwestern versammelten sich am Tag der Geburt um mein Bett, um mir – um uns! – das Stillen beizubringen. Mein Bauch gehört mir: Neulich ertappte ich mich, wie ich die Hand auf meinen Bauch legte und lauschte. Da musste ich lächeln. Ich bin wieder allein in meinem Körper. Das ist schön.
  • Vater/Mutter/Partnerschaft: Wir sind vor einiger Zeit an einem Punkt in unserer Ehe und Beziehung angekommen, wo sich vieles leicht und selbstverständlich anfühlt. Das Elternsein reiht sich bisher nahtlos ein. Fühlt sich an wie Schwimmen. Wann wir das erste Mal Wasser schlucken oder in die Strömung geraten, weiß ich nicht. Aber ich weiß, wir bleiben wir. Und wer unser Sohn ist, werden wir nach und nach erfahren.