Zwei Filme für frische Eltern

Unser Sohn hat ja die bemerkens- und liebenswerte Eigenschaft, dass er abends früh ins Bett geht. (Er steht dafür auch früh auf, sehr zum Leidwesen seiner Mutter, aber das ist ein anderes Thema.) Dadurch konnten wir schon recht bald unsere große Heimkino-Tradition wiederbeleben. Kürzlich gesehene Spielfilme: “Mother and Child” und “Eraserhead”.

Ersterer ein erfrischend unamerikanischer Film über, naja, Mütter und Kinder. Erinnert vom Stil her ein bisschen an “Magnolia” oder “American Beauty”. Und macht’s einem warm ums Herz, ohne dabei kitschig zu werden. Und jeder Typ Mutter ist dabei. Highlight ist sicherlich die großartige Annette Benning, die im Laufe des Films von der neurotischen Einsiedlerin zur liebevollen Großmutter wird. Aber eine Lieblingszene ist für mich auch die junge Mutter, die sehnlichst auf das adoptierte Kind gewartet hat und dann nachts verzweifelt ihre eigene Mutter anruft, weil das Baby nicht aufhört zu weinen. “I don’t love her!” – “Yes you do. You’re just sleep-deprived”. Well said.

Zweiterer Film vielleicht nicht auf Anhieb ein typischer Eltern-Film. David Lynchs Erstlingswerk und meiner Ansicht nach der konseqenteste seiner Filme. Lynch in Reinform. Ich würde nicht behaupten, alles verstanden zu haben. Und wäre das Prädikat des ersten Filmes “herzerwärmend”, so passt für Eraserhead am besten “verstörend”. Aber es gibt einen Mann, eine Frau und so eine Art Kind. Das gefüttert werden muss und nachts schreit. Ansonsten düstere Bilder von einem Meteoriten, Erdhaufen in der Wohnung, aus der ein Baum wächst und eine Frau in der Heizung. Vielleicht geht’s nicht wirklich ums Elternsein, vielleicht ist es das innere Kind, das innere düstere Verlangen, das gefüttert werden muss. Hat jedenfalls auch Spaß gemacht zu gucken. Und festzustellen: so düster ist Elternsein nicht.

Dreimonatsbilanz

Erik ist heute genau drei Monate alt. Oder auch: 13 Wochen und einen Tag. Aber ich habe mir sagen lassen, dass Normale (also Leute ohne Kinder) das nicht verstehen, wenn man das Alter des Babys in Wochen angibt. Andere Eltern nicken dagegen verständig. Wobei ich gestehen muss, dass ich auch rechnen muss, wenn mir jemand auf die Frage “wie alt?” “Siebzehn Wochen!” entgegenschmettert. Das ist wie bei den Schwangerschaftswochen, wo vier Schwangerschaftswochen einen Monat machen und man deshalb zehn Monate … aber egal. Und irgendwann gibt man das Alter des Kindes dann in Monaten an, auch wenn’s schon über ein Jahr alt ist.

Drei Monate also. Meine Mutter rief gestern an und sagte “Es gibt ja bei euch nicht nur ein Kind, sondern auch eine Mutter und die hat bald Geburtstag”. Da musste ich kurz überlegen, wer gemeint ist.

Nein, es geht mir nicht so, wie einige sagen: Dass ich mir nicht mehr vorstellen kann, wie das Leben ohne Erik war. Vorstellen kann ich mir das schon noch: Am Wochenende lange ausschlafen, spontan in eine Kunstausstellung gehen ohne Kinderwagen, Windeln, Milchpulver, Schnuller. Aber tauschen möchte ich nicht mehr. Ich hätte nie gedacht, wie spannend es ist, jemandem beim Aufwachsen zuzusehen. Gemeinsam das Greifen und Be-Greifen zu lernen. Völlig aus dem Häuschen zu sein, wenn der Sohn sich kringelt vor Lachen. Morgens aufzuwachen und sich darauf freuen, was er wohl als nächstes lernt. Momentan ganz groß: Dinge in den Mund stecken. Und mal ehrlich: Ist das nicht auch total spannend, wie verschiedene Dinge schmecken und sich anfühlen auf der Zunge? Rauh, glatt, Gummi, Holz, Stoff. Ich möchte am liebsten mitmachen.

Wir haben, bevor wir Eltern wurden, oft darüber diskutiert: Kann man beeinflussen, wie das eigene Kind wird? Ob es ein “Schreikind” ist oder eher ruhig? Ob es durchschläft, wann es ins Bett geht? Und später dann, ob es fremdelt, ob es trotzig ist? Ich habe es mir vorher auch schon gedacht und würde nun nach drei Monaten sagen: Weder noch. Oder beides. Ich persönlich glaube, ein Kind kommt mit einem gewissen Charakter oder Temperament zur Welt. Und ich glaube, dass gewisse Dinge wie Schlafrhythmus finden von selber reifen müssen. Gleichzeitig denke ich aber, dass es einen ganz entscheidenden Unterschied macht, wie man als Eltern damit umgeht. Ob man findet, dass man das Kind niemandem zumuten kann, weil es viel schreit – oder ob man findet, dass Babys halt schreien und sich schon niemand dran stören wird. Ob man versucht, sein Leben um jeden Preis so weiterzuführen wie bisher, oder sich komplett auf das Kind einstellt und und bisherige Rituale und Vorlieben vernachlässigt – oder einen Kompromiss findet. Sich über den vom Kind geschenkten Videoabend freut, wenn es plötzlich von selber früh ins Bett geht.

Ich sehe mich als Mutter gar nicht in der Lage, mein Kind groß zu ändern. Momentan empfinde ich mich eher als Coach, der das, was da ist, unterstützt und fördert. Das wird sich wohl ändern, wenn es darum geht, dem Kind die eigenen Grenzen klarzumachen. Ich erlebe das bei einigen Eltern im Freundeskreis, wo das Kind das “Nein” sehr wohl versteht, aber noch nicht als Grund versteht, aufzuhören. Da bin ich gespannt, wie meine “das Kind da abholen, wo es steht”-Philosophie dazu passt oder an ihre Grenzen stößt.

Und in der Pubertät kann man dann sowieso nichts mehr machen. Das findet auch Jesper Juul.

 

Deutsche Tugenden

Wir haben vor unserem Kellerabteil eine Handvoll Plunder abgestellt, was glatt der Hausordnung widerspricht. Die Hausordnung ist in meinen Augen kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, das Zusammenleben mehrerer Menschen unter einem Dach zu regeln. Wenn jemand seinen Benzin-Rasenmäher oder seine Harley mit Beiwagen in den Hausflur stellt, kann man auf die Hausordnung verweisen.

Der Deutsche hat allerdings offenbar einen Hang dazu, Regeln durchzusetzen, auch wenn es ihm gar nichts nützt. Und so wurde unsere illegale Anhäufung am Dienstag zwangsgeräumt. Jetzt ist Schluss mit dem Lotterleben.

Irgendwo sitzt nun also jemand, der sich gewiß ist, acht Menschen (und indirekt wahrscheinlich auch zwei Katzen und einen Hund) geärgert zu haben. Dafür kann er jetzt mit seiner Harley durch den Kellerflur fahren. Ob der Beiwagen passt, müsste ich allerdings nachmessen.

Filmzitate

Seit Langem haben wir zwei Filmzitate im Kopf, die wir auf zwei CDs des Cold-Meat-Industry-Labels gehört haben. Damals (vor gut 15 Jahren!) nicht ohne Weiteres zuzuordnen, lassen sich die entsprechenden Filme heute innerhalb von Sekunden ergoogeln.

Zunächst auf Morthound – Spindrift:

If you’re frightened of dying, and you’re holding on, you’ll see devils tearing your life away. If you’ve made your peace, then the devils are really angels, freeing you from the Earth.

Das ist aus Jacob’s Ladder. Ein guter Film, für uns Zartbesaitete hart an der Gruselgrenze, aber ging gerade noch.

Dann ein Zitat, das ziemlich exakt meine mit etwa 10 Jahren erworbene atheistische Einstellung widergibt. Zu hören auf Deutsch Nepal – ¡Comprendido!… Time Stop! …And World Ending:

We’re all just complicated arrangements of atoms and subatomic particles – we don’t live. But our atoms do move about in such a way as to give us identity and consciousness. We don’t die; our atoms just rearrange themselves. There is no God.

Das ist aus Bad Boy Bubby. Es geht noch weiter und wird recht wütend, das würde ich dann heute nicht mehr so unterschreiben:

Ein sehr interessanter, krasser Film aus Australien. In der UK-Version wurde eine Szene mit einer Katze wegen Unverträglichkeit mit dem “UK Animals Act” entfernt (sagt die IMDb). Dem Film liegt eine Erklärung des Regisseurs Rolf de Heer bei, in der u.a. folgendes Problem beschrieben wird:

SMALL SPOILER ALERT

Man brauchte eine zunächst lebendige Katze, die in späteren Szenen tot zu sehen ist. Dazu holte man sich eine von der zuständigen Behörde eingefangene Streunerkatze, die bereits zur Tötung vorgesehen war. Diese Katze war so zahm, dass sie von einem Mitglied des Teams adoptiert wurde. Eine zweite wurde dann tatsächlich wie geplant verwendet.

Als Katzenliebhaber rechneten wir vor diesem Hintergrund mit dem Schlimmsten, aber die Szene war dann doch (zum Glück) relativ harmlos. Wer seiner Katze schonmal eine Leine angelegt hat, hat mehr oder weniger dasselbe getan.

Die Idee, eine Katze, die sowieso getötet werden soll, vorher und nachher zu filmen, ist natürlich krass. Der Tod eines Tieres wird in die Handlung eingebaut und damit nicht nur hingenommen, sondern verwertet. Dabei hat die Gesamtaussage des Films IMHO bestenfalls tangential etwas mit Tierschutz zu tun.

Prinzipiell bin ich ja der Meinung, dass Kunst auch provozieren sollte – was allerdings leicht zu sagen ist, solange einem die Provokation nicht nahe geht. In diesem Fall kann ich tatsächlich nicht sagen, ob ich die Aktion gut oder schlecht finde.

Endlich die Quellen der Zitate im Original zu sehen, war jedenfalls sehr cool.